Fingernägel kauen: wie kann man damit aufhören?

Fingernägel kauen: wie kann man damit aufhören?

Fingernägel kauen (med.: Onychophagie) ist eine unschöne Angewohnheit, die alle Altersklassen betrifft. Häufig kauen oder beißen Kinder und Jugendliche in den Entwicklungsphasen an ihren Fingernägeln, aber auch einige erwachsene Menschen lässt es nicht los. Frauen sind genauso häufig betroffen wie Männer.

Inhaltsverzeichnis

Meistens kauen Betroffene unter Stress an ihren Nägeln und merken dann nicht einmal, dass sie ihre Finger am Mund haben. Es dient einfach der Entspannung und wird auch als Ersatzbefriedigung betitelt.

Oft ist das Nägelkauen harmlos und hört im Jugendalter irgendwann wieder auf. Es tritt meistens erst nach dem 4. Lebensjahr auf und ca. 10-30 % der 7- bis 10-Jährigen sind davon betroffen.1

Manchmal bleibt die lästige Verhaltensgewohnheit allerdings bestehen und wird chronisch. So kann es im Erwachsenenalter zu weitaus schwerwiegenderen Problemen kommen.

Ursachen des Kauens der Fingernägel

Zu den Ursachen von Nägelkauen gehören vor allem Stress, Nervosität, schlechte Nachrichten, Anspannung und Konflikte, die ungelöst sind. Aber auch Langeweile kann dazu führen, dass man anfängt, an den Fingernägeln zu knabbern.

Verzweiflung, Angst, Nervosität sind oft Ursachen von Nägelkauen.
Psychische Belastungen führen oftmals dazu, dass die Betroffenen an den Nägeln kauen. (Quelle geralt - pixabay.com)

Die Art und Weise der Erziehung spielt auch eine große Rolle. Wenn Kinder emotional alleine gelassen werden und ihre Aggressivität oder Hyperaktivität unterdrücken müssen, kann Nägel-Kauen die Folge sein. Das bedeutet, dass Krankheiten wie ADHS, aber auch Angststörungen oder Ticks die Angewohnheit begünstigen.2

Kinder schauen sich das Nägelkauen häufig auch in der Familie ab. Wenn es die Eltern vormachen, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass das Kind dann auch einfach damit anfängt.

Ursachen von Nägelkauen:

Andere Faktoren sind tieferer psychischer Natur. Selbstschädigendes Verhalten (Autoaggression), paranoide Psychosen oder Neurosen können Fingernägel kauen begünstigen.

Dabei kann es auch so weit kommen, dass die umliegende Haut mit abgekaut wird (med.: Perionychophagie) bis sich blutige Wunden bilden. So zählt es dann zu einer „körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörung“.

Weiterhin kann man unbewusst anfangen an den Fingernägeln zu knabbern, wenn man schwierige Aufgaben lösen muss, oder unter Nervosität leidet (z.B. in der Schule oder in der Universität).

Bei vielen Kindern wird das Kauen an den Fingernägeln als schlechte Erziehung abgestempelt, bei erwachsenen Menschen oft als Charakterschwäche angesehen. Dabei wird aber vergessen, dass es oft selbst keine Kontrolle über dieses Verhalten gibt und die Ursachen vielfältig sind.

Folgen von Fingernägelkauen

Nicht selten werden die Nägel bis zum Nagelbett abgekaut. Durch das Abkauen wird die vulgäre Warzenbildung begünstigt. Wenn man die Nagelhaut mit abkaut und sich Wunden bilden, ist das die ideale Eintrittspforte für Erreger. Es kann zu chronischen Nagelbettreizungen und Nagelbettentzündung an den Händen kommen.

Zahnarzt untersucht die Zähne eines Jungens
Die Zähne werden beim Nagelkauen oft stark strapaziert. (Quelle: jarmoluk - pixabay.com)

Das ständige Verhindern des Nagelwachstums kann außerdem zu Wachstumsstörungen führen. Auch für Mund und Zähne ist die Sache nicht ungefährlich. Die Schneidezähne können angegriffen werden, es kann zudem zu Zahnfleischentzündungen sowie Zahnfehlstellungen kommen und Lippen können aufreißen.

Wenn abgebissene Nägel dann auch noch geschluckt werden, kann es zu Magenproblemen kommen, da die Hornsubstanz nicht verdaut werden kann.

Die Folgen von Nägelkauen dürfen nicht heruntergespielt werden und können für die Gesundheit ernste Folgen haben. Darum sollte man, wenn man davon betroffen ist, so bald wie möglich dagegen ankämpfen.

Bakterien oder Viren an den Händen gelangen durch das ständige Hinführen der Hände an den Mund schnell in unseren Organismus und können sich ausbreiten. Das bedeutet, dass man dadurch auch anfälliger für weitere Erkrankungen ist.

Auch die psychische Belastung ist nicht außer Acht zu lassen. Gepflegte Hände und Finger sind wie ein Markenzeichen und viele Betroffene schämen sich oft sehr, ihre Fingernägel zu zeigen. So kann es schon passieren, dass sogar soziale Kontakte eingeschränkt werden und es zu schweren Depressionen kommt.

Behandlung: Was hilft gegen Nägelkauen?

Es gibt viele Ansätze, wie man es schaffen kann, wieder schöne und gepflegte Nägel zu haben. Wichtig ist, die Ursache herauszufinden und durchzuhalten, da die Behandlung nicht immer einfach ist.

Wie bei allen Verhaltensweisen kann man sich auch das Nägelkauen wieder abgewöhnen. Kinder sollten auf keinen Fall dafür „bestraft“ werden, dass sie an ihren Nägeln kauen. Hier sollte man eher versuchen, für Entspannung zu sorgen und so zu helfen.

Äußerliche Behandlung mit Nagellack

“Ich empfehle euch den bitter schmeckende Nagellack Stop’n’grow. Der Lack wird regelmäßig auf die Nägel und die Nagelhaut aufgetragen und verhindert durch den üblen Geschmack, dass die Finger in den Mund gesteckt werden.”

Apothekerin Melissa mit schwarzem Blaser und weißem Hintergrund.

Melissa, Apothekerin

Stop n grow Nagellack hilft beim Abgewöhnen von Nägelkauen

Der Nagellack ist für Erwachsene und Kinder ab 3 Jahren geeignet und durch den bitteren Geschmack wird man darauf aufmerksam gemacht, dass man die Finger am Mund hat. Danach kann reagiert werden, und beispielsweise durch einen Eintrag ins Tagebuch die bestimmten Situationen vermerkt und anschließend analysiert werden.

Allerdings hilft diese Art der Therapie nicht immer. Oftmals gewöhnt sich der Betroffene auch an den Geschmack oder kratzt den Nagellack von Haut und Nagel ab.

Bei Entzündungen des Nagels oder Nagelbettes kann eine lokale Therapie mit einer desinfizierenden Salbe nötig und sinnvoll sein (z.B. Betaisodona Salbe).

Ursachen mit verschiedenen Methoden bekämpfen

Die folgenden Tipps können Euch dabei helfen, die unschöne Angewohnheit Fingernägel kauen abzugewöhnen:

Zusätzlich zu den Tipps können die folgenden drei Methoden dabei helfen, sich das Nägelkauen abzugewöhnen.

1. Habit-Reversal-Training

Diese Methode läuft in verschiedenen Phasen ab:

1. Beobachtungsphase: Herausfinden, in welcher Situation man anfängt, Fingernägel zu kauen und es notieren!

2. Motivationsphase: Gründe parat haben, warum man aufhören möchte an seinen Nägeln zu kauen.

3. Ersatzhandlung: Wenn das Bedürfnis zum Fingernägel kauen verspürt wird, sofort versuchen, eine andere Handlung damit zu verknüpfen (z.B. mit der Hand eine Faust bilden, sich auf die Hände setzen oder einen Entspannungsball zusammendrücken)

4. Rituale: z.B. tägliche Nagelpflege, die zum Ritual wird.

5. Kontrollphase: Tägliches Überprüfen der Nägel und des Wachstumszustandes.

6. Festigungsphase: Das Gehirn regelmäßig trainieren, was die Ersatzhandlung für das Nägelkauen ist. D.h. man stellt sich bildlich die Szene vor, in der man an den Fingernägeln kauen würde und wie man stattdessen die Ersatzhandlung durchführt.

2. Autogenes Training

Verschiedene Entspannungstechniken können die Ursache von Fingernägel kauen beheben.
Durch autogenes Training kann die Anspannung gelöst werden, die häufig Ursache des Nägelkauens ist. (Quelle: dimitrisvetsikas1969 - pixabay.com)

Autogenes Training ist eine Entspannungsmethode, die 1932 vom Berliner Psychiater Johannes Heinrich Schultz publiziert wurde. Sein Ziel war es, sich durch Selbstbeeinflussung in einen Entspannungszustand zu versetzen.

Man gelangt über konzentrierte, gezielte Gedanken zur Ruhe. Diese Methode kann dazu beitragen, dass sich der Betroffene entspannt und so die Ursache vom Fingernägel kauen bekämpft.

Im Sitzen oder Liegen werden bestimmte Zustände in die Gedanken geleitet. Dazu gehören Sätze wie „Mein rechter Arm wird schwer“ oder „Ich bin vollkommen ruhig.“ Durch mehrmalige Wiederholung und Training kommt die Entspannung dann von selbst.

Zu den Grundübungen in der Anfangsphase gehören Ruhe-, Schwere- und Wärmeübungen. Die mittlere Stufe beinhaltet Organübungen zu Herz, Atem, Sonnengeflecht und Stirn.

Danach wird in einer Oberstufe eine „Wach-Traum-Technik“ angewendet. Man entwickelt Bilder (Farben, Objekte, Gefühlszustände), die man sich in seine Gedanken ruft. So können letztendlich durch Selbsterkenntnis Konflikte bewältigt werden.

3. Progressive Muskelentspannung

Diese Methode dient ebenfalls der Entspannung und soll die Ursache vom Nägelkauen beseitigen. Das Prinzip der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson ist das gezielte Anspannen einer Muskelgruppe, die sich dadurch danach effektiv entspannen kann.

Man spannt den Muskel für 10 Sekunden an und entspannt danach für 30 Sekunden. Die Entspannung wird dann von einer Muskelgruppe zur anderen übertragen, was zu einer größeren Entspannung im Körper führt. Dadurch sinken Blutdruck und Puls und die Atmung wird langsamer und ruhiger.

Durchgeführt wird die Übung im Sitzen oder Liegen und man arbeitet sich von einer Muskelgruppe zur nächsten. Dadurch nehmen Körper und Geist bewusst wahr, wann ein Muskel stark angespannt und wann er entspannt ist. Das führt zur Stressreduktion.

Fazit: So gewöhnt Ihr Euch die lästige Angewohnheit ab!

Eine erste Abhilfe kann mit einem bitter schmeckenden Nagellack geschaffen werden (z.B. Stop’n’grow). Allerdings ist dieses Vorgehen nur von nachhaltiger Bedeutung, wenn auch die Ursache bekämpft wird. Dafür eignen sich verschiedene Entspannungstechniken oder auch das Habit-Reversal-Training. 

Autorin: Melissa
Autorin: Melissa

Melissa ist eine approbierte Apothekerin. Ihre praktische Erfahrung nutzt sie, um Euch hier weiterzuhelfen.

Hier geht's zum LinkedIn-Profil!


Quellenverzeichnis:

1. Dr. med. Peter Altmeyer, Onychophagie, https://www.enzyklopaedie-dermatologie.de/dermatologie/onychophagie-2807

2. Dr. med. Sabrina Mörkl, Onychophagie, https://flexikon.doccheck.com/de/Onychophagie

Schreibe einen Kommentar